
30.04.2026
Die Tech-Eliten und die stille Revolution der Macht
Der Unternehmer Peter Thiel steht für einen neuen, dramatisch vorwärtsdrängenden Kapitalismus. Überlebt die Demokratie die explosive Dynamik des technologischen Fortschritts ?
by Klaus Schwab
Wir erleben keine normale technologische Entwicklung mehr. Wir erleben eine Machtverschiebung. Leise, aber tiefgreifend. Weg von Politik und Institutionen – hin zu jenen, die die Innovation kontrollieren. Diese neue Elite formuliert ihr Programm selten offen. Doch ihre Logik ist unmissverständlich. Denker und Unternehmer wie Peter Thiel bringen sie auf den Punkt: Die Welt wird durch Innovation getrieben. Wer die Innovation beherrscht, beherrscht die Zukunft. Und wer die Zukunft beherrscht, kann sich die Langsamkeit demokratischer Prozesse nicht leisten. Das ist keine Randmeinung mehr. Es ist dabei, zur neuen Orthodoxie zu werden. Denn die Fakten scheinen ihnen recht zu geben. Wir befinden uns in einer exponentiell verlaufenden technologischen Revolution. Künstliche Intelligenz, Biotechnologie, digitale Plattformen – sie verändern Wirtschaft und Gesellschaft schneller, als politische Systeme reagieren können. Die Innovation ist nicht mehr linear. Sie ist explosiv. Und in dieser Dynamik wirkt Demokratie plötzlich schwerfällig. Zu viele Stimmen. Zu viele Einwände. Zu viel Zeitverlust. Hier beginnt die eigentliche Verschiebung. Demokratie wird nicht mehr als Voraussetzung von Fortschritt gesehen, sondern als Hindernis. Vielfalt nicht als Stärke, sondern als Reibung. Konsens nicht als Legitimation, sondern als Verzögerung. Das ist der Moment, in dem aus technologischer Dynamik eine Ideologie wird.
Wähler als Hindernis
Ich habe mein Leben dem Konzept des Stakeholder-Kapitalismus gewidmet – der Überzeugung, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung zusammengehören. Heute steht dieses Modell unter Druck, weil es quer zur neuen Logik der Tech-Eliten steht. Während der Stakeholder- Kapitalismus auf langfristige Wertschöpfung, Vertrauen und Legitimation setzt, stellt der Tech-Eliten-Kapitalismus Innovation, Geschwindigkeit und Skalierung ins Zentrum. Entscheidend ist nicht mehr, was gesellschaftlich tragfähig ist, sondern was möglich ist – und wie schnell es sich durchsetzen lässt. Dabei überlagert dieser Tech-Eliten-Kapitalismus zunehmend den traditionellen Shareholder-Kapitalismus. Es geht nicht mehr nur um Renditen für Kapitalgeber, sondern um die Kontrolle von Technologien, Plattformen und Zukunftsmärkten. Kapital folgt der Innovation – nicht umgekehrt. Die Macht verschiebt sich damit von den Eigentümern von Kapital hin zu den Architekten technologischer Systeme. Doch genau hier liegt der blinde Fleck. Fortschritt ohne Anerkennung, ohne Legitimation ist kein Fortschritt. Er ist ein Risiko. Innovation, die sich von der Gesellschaft entkoppelt, wird früher oder später auf Widerstand stossen. Und Widerstand kann sich in einer vernetzten Welt ebenso schnell entfalten wie die Innovation selbst.
Wer Geschwindigkeit maximiert, braucht Orientierung.
Die Tech-Eliten reagieren darauf auf bemerkenswerte Weise. Je radikaler sie die Zukunft verändern, desto stärker suchen sie Halt in der Vergangenheit. Tradition, Ordnung, konservative Werte erleben eine stille Renaissance. Das wirkt paradox, ist aber logisch. Wer Disruption entfesselt, braucht Stabilität. Wer Geschwindigkeit maximiert, braucht Orientierung. Doch auch hier liegt eine Spannung. Tradition kann stabilisieren – oder Macht legitimieren. Sie kann Orientierung geben – oder zur ideologischen Waffe werden. Und der Staat ? Er steht unter Druck wie selten zuvor. Bleibt er langsam, wird er irrelevant. Wird er zum Werkzeug technologischer Interessen, verliert er seine Glaubwürdigkeit. Seine einzige Chance liegt in einer radikalen Neudefinition: innovationsfreundlich, gestaltend – und schneller. Ein Staat des intelligent age darf nicht erst reagieren, wenn es zu spät ist. Er muss gestalten, während Innovation entsteht. Er muss ermöglichen, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Denn technologische Macht wird heute nicht mehr primär über Eigentum oder Kapital ausgeübt, sondern über Systemabhängigkeiten – über Plattformen, Datenräume und digitale Infrastrukturen, von denen ganze Volkswirtschaften abhängig werden. Gerade deshalb ist es die Aufgabe des Staates, solche Abhängigkeiten – wo immer möglich – zu vermeiden. Nicht um die Innovation zu bremsen, sondern um die strategische Autonomie, den Wettbewerb und die gesellschaftliche Handlungsfähigkeit zu sichern.
Im Dienst der Gesellschaft
Gelingt das nicht, droht eine Ordnung, die effizient wirkt – aber instabil ist: Macht konzentriert bei wenigen, ohne ausreichende gesellschaftliche Verankerung.
Am Ende entscheidet nicht, wer schneller innoviert. Sondern wer die Kraft hat, Innovation in eine tragfähige Ordnung einzubetten. Wer bereit ist, die Realität anzuerkennen: Der Tech-Eliten-Kapitalismus und die gestaltende Dynamik technologischer Entwicklungen sind zur bestimmenden Kraft unserer Zeit geworden. Wir können sie nicht negieren. Wir müssen sie ernst nehmen.
Aber ernst nehmen heisst nicht, sich ihnen zu unterwerfen. Es heisst, sie zu formen. Ihnen Richtung zu geben. Und sie in eine Ordnung einzubetten, die von den Menschen getragen wird. Denn die eigentliche Frage ist nicht ökonomisch. Sie ist zivilisatorisch.
Misslingt diese Balance, droht der schleichende Verlust dessen, was unsere Gesellschaften zusammenhält: Demokratie und Menschenwürde. Gelingt sie jedoch, kann aus der exponentiell verlaufenden Revolution der Technologie das werden, was sie sein sollte: Fortschritt – getragen, legitimiert und im Dienst der Gesellschaft.
Professor Klaus Schwab ist Gründer des World Economic Forum.